Renaturierung und ihre ungewollten Nebeneffekte
Renaturierung und ihre ungewollten Nebeneffekte
Renaturierung ist die aktive Wiederherstellung eines möglichst naturnahen Zustands von geschädigten oder zerstörten Landschaften, Ökosystemen und Gewässern.
Natürliche Prozesse sollen wieder in Gang gesetzt werden, um die Biodiversität (Artenvielfalt) zu fördern und die Funktionsfähigkeit der Ökosysteme zurückzugewinnen.
Im Selfkant wurde eine solche Renaturiereng am kanalisierten und begradigten Rodebach durchgeführt.
Was waren die Gründe für die Begradigung?
Der Rodebach (niederländisch Rode Beek) wurde in der Vergangenheit – insbesondere mit dem massiven Ausbau zu einem kanalartigen Bett im Jahr 1961 – aus zwei wesentlichen Gründen begradigt:
Abfluss von Grubenwasser: Durch die Begradigung sollte das stark anfallende Grubenwasser aus dem regionalen Steinkohlenbergbau (unter anderem aus den nahegelegenen niederländischen Bergwerken) schneller und effizienter abgeleitet werden.
Landwirtschaftliche Nutzung: Das umliegende, ursprünglich sumpfige Gelände wurde durch den kanalartigen Ausbau systematisch entwässert. Die so trockengelegten Flächen der ursprünglichen Feuchtwiesen konnten anschließend als ertragreiches Acker- und Weideland genutzt werden.
Wann begann die Renaturierung?
Initiiert wurde das Vorhaben vom Kreis Heinsberg. In einer Veröffentlichung des Kreises vom 28.12.2021 heißt es:
„Rodebach zwischen Wehr und Tüddern renaturiert: Die Renaturierung des Rodebachs zwischen Wehr und Tüddern ist weit fortgeschritten. Bislang verlief der Rodebach in diesem Bereich als gerader betonierter Kanal. Durch die Renaturierung wird der Lauf von 1600 Meter auf 2600 Meter verlängert.
Der Umbau des begradigten und versiegelten Rodebachs hin zu einem naturnahen bis natürlichen sandgeprägten Tieflandbach schafft Lebensräume für gewässertypische Arten mit unterschiedlichen Lebensraumansprüchen. Außerdem verlangsamt und verstetigt sich durch den Umbau der Wasserabfluss. Es werden Retentionsbereiche geschaffen, um eine nachhaltige Bewirtschaftung zunehmend knapper Wasserressourcen zu erreichen (Klimafolgenanpassung). Retentionsräume werden bei Hochwasser überflutet und senken dadurch den Wasserstand im Fluss. Durch die Maßnahme wird die europäische Wasserrahmenrichtlinie umgesetzt.
Die entlang des Rodebachs liegenden Moorböden (CO2-Senken) werden durch die Renaturierung wieder stärker durchfeuchtet und dadurch geschützt. Dies verhindert, dass weiteres Kohlendioxid in die Atmosphäre entweicht. Ein weiteres Ziel ist die naturnahe Gestaltung der Aue als Lebensraum für Tiere und Pflanzen sowie als Naherholungsraum für die Bevölkerung.
Baubeginn war am 16. August 2021. Die Maßnahme wird in Kürze fertiggestellt. Die Kosten belaufen sich auf insgesamt 500.000 Euro, wobei das Land NRW 80 Prozent der Gesamtsumme trägt. Während der Umbaumaßnahme wurden rund 20.000 Kubikmeter Boden bewegt sowie ein Kastendurchlass für den Schwerlastverkehr und zwei Holzbrücken für Fußgänger und Fahrradfahrer gebaut. Konzeption, Planung, Ausschreibung und Bauleitung waren ein Gemeinschaftsprojekt der Unteren Naturschutzbehörde und Unteren Wasserbehörde unter Regie von Norbert Dismon und Claudia Staiger von der Kreisverwaltung Heinsberg.
Entfernung von Uferbefestigungen, Begradigungen rückgängig machen und Auen wieder anbinden.“
Wie ist die Lage am renaturierten Bach heute?
Das Projekt wurde von Anfang an von Selfkant online mit großem Interesse verfolgt und im Bild dokumentiert.
Nachstehend Bilder am „Naturübergang“ zwischen Wehr und Tüddern. (2020, 2021, 2023 und 2026)





Von Monat zu Monat kam die Natur in großen Schritten zurück, Heute ist es ein Feuchtbiotop mit sehr dichtem Bewuchs und nur noch sehr schwer begehbar. Die Tier- und Pflanzenwelt ist wieder "unter sich".
Auch der Biber ist dort heimisch geworden. Seinen Damm hat er optimal für seine Zwecke am Zufluss des alten versiegten Rodebacharms in den renaturierten Bach errichtet.

Bild 10/2026
Hier kann er sich ungestört entfalten. Ideal für Mensch und Biber, hatte er doch sein Domizil in der Nähe des Dorfes Wehr verlassen (müssen). So weit zur Theorie.
Heute wird er zum Teil von Anwohnern als Problemfall betrachtet, da er für einen steigenden Grundwasserstand verantwortlich gemacht wird.
Auch ist er am Rand des Naturschutzgebietes aktiv geworden und es war notwenig Bäume zu fällen, da der Biber schneller war als der Mensch mit Schutzdrähten an den Bäumen. Hier haben wir ihn deutlich unterschätzt. Die Sperrung des Weges mit einem Schild „Achtung Biberaktivitäten“ ist nicht nur positiv aufgenommen worden.
Da Häuser in Bachnähe von einem erhöhten Wasserstand betroffen sind, versucht die UNB im Austausch mit den Betroffenen eine Lösung für Mensch und Tier zu finden.
Bei einer gemeinsamen Begehung am 21.10.2026 wurde deutlich, bzw. bestätigt.
Lokal ist der Grundwasserstand höher als üblich für die derzeitige Jahreszeit und Wetterlage.
- Der Biberdamm ist im Vergleich zur Vergangenheit in der Höhe angewachsen
Ob ein zusätzlicher Damm oder ein weiteres Hindernis vorliegt, konnte nicht geklärt werden, da der entsprechende Bereich nicht mehr zugänglich ist. Hier ist ein Drohneneinsatz notwendig. - Zugängliche Bereiche zwischen Kapelle und Holzbrücke wurden abgeschritten.
- Die Fließgeschwindigkeit des Rodebachs ist speziell an Stellen mit dichtem Bewuchs deutlich langsamer
- Ein Abfluss der Wiesen in den Rodebach ist vorhanden, allerdings ist derzeit unklar, ob dieser noch funktionsfähig ist. (Wird geprüft)
Allein die Höhe des Biberdamms kann das derzeitige Problem nicht erklären. Auch die verringerte Fließgeschwindigket durch den Bewuchs muss als mögliche Ursache berücksichtigt werden.
Inwieweit noch andere Einflüsse wirken, wird derzeit untersucht.
Wenn Wasser langsamer abfließt, kommt es zu einem Rückstau- oder Stau-Effekt.
Das Prinzip lässt sich leicht durch die folgenden Faktoren erklären:
Verringerte Entlastung
Fließt das Grundwasser (oder ein damit verbundenes Oberflächengewässer wie ein Fluss) langsamer ab, wird weniger Wasser aus dem System abtransportiert. Wenn gleichzeitig durch Regen oder Schmelzwasser neue Feuchtigkeit nachsickert, sammelt sich das Wasser und der Grundwasserspiegel steigt.
Wechselwirkung mit Oberflächengewässern
Wenn Flüsse durch Begradigungen, Stauwehre oder Verstopfungen langsamer fließen, steigt oft ihr Wasserspiegel. Da Flüsse und Grundleiter meist hydraulisch miteinander verbunden sind, drückt das Flusswasser in das umliegende Grundwasser (Infiltration) und lässt den Grundwasserstand in der Region steigen.
Geringeres Gefälle
Ein flacheres hydraulisches Gefälle (z. B. durch geologische Veränderungen oder Baumaßnahmen) bremst den Grundwasserstrom. Das Wasser verweilt länger im Boden, wodurch der Pegel nach oben gedrückt wird. (Daten sind Selfkant online dazu nicht bekannt)
Auch gut gemeinte Eingriffe in die Natur wie die Renaturierung – also der Versuch, ein zerstörtes Ökosystem wieder in seinen natürlichen Zustand zu versetzen – verlaufen selten exakt wie geplant. Weil die Natur so komplex ist, führt das Reparieren an einer Stelle oft zu völlig unbeabsichtigten und unerwünschten Dominoeffekten an anderer Stelle, wie zum Beispiel feuchte Keller und eine veränderte Hydrologie.
Wird ein begradigter Fluss wieder in eine natürliche, ausufernde Auenlandschaft verwandelt, steigt in der Umgebung großflächig der Grundwasserspiegel. Das führt in angrenzenden Wohngebieten regelmäßig zu nassen Kellern oder überschwemmten Infrastrukturen.
Wäre ein tieferes Bachbett nicht besser gewesen?
Nein, das wäre für das Ziel einer Renaturierung kontraproduktiv gewesen. Ein tiefer gelegtes Flussbett (eine Sohleintiefung) ist genau das, was man bei künstlichen Kanälen macht.
https://naturalnanida.pl/en/why-is-why-is-the-renaturalization-so-important/
Zwar würde ein tieferes Flussbett das Problem mit nassen Kellern im Umland kurzfristig lösen, es zerstört jedoch die wichtigsten oben beschriebenen ökologischen Ziele der Renaturierung.
Wir werden über weitere Ergebnisse und Maßnahmen berichten.
UHu